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Flucht, Migration und die Rolle des Fairen Handels
Hintergrundpapier des Weltladen-Dachverband e.V., Dezember 2015

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind derzeit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht - so viele wie noch nie. Die Gründe dafür, dass sie ihre Heimat verlassen, sind vielfältig: Zahlreiche Menschen fliehen vor Bürgerkriegen und Verfolgung in ihrer Heimat (=> Flucht), andere versuchen, sich wegen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit oder den Folgen des Klimawandels woanders eine neue Existenz aufzubauen (=> Migration).

Die meisten Menschen, die sich auf den Weg machen, suchen in anderen Regionen ihrer Heimatländer Schutz oder eine neue Perspektive, sehr viele lassen sich in Nachbarländern nieder und ein kleinerer Teil legt weitere Wege zurück und kommt z. B. nach Europa. Nachdem die Zahl der in Europa ankommenden Menschen in den letzten Monaten deutlich angestiegen ist, dominiert die Frage nach dem Umgang mit ihnen und den Gründen, warum sie ihre Heimat verlassen haben, unsere Nachrichten.

Wie steht der Faire Handel zu dieser Situation? Ist der Faire Handel ein wirksames Instrument, um Fluchtursachen zu bekämpfen? Wie kann der Faire Handel einen Beitrag leisten, die Situation der Zugezogenen in Deutschland zu verbessern?
Der Faire Handel zielt darauf ab, menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen weltweit zu schaffen bzw. diese zu verbessern, damit Menschen in ihrer Heimat ein Auskommen haben, das es ihnen ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Wichtige Instrumente des Fairen Handels sind z. B. die Schaffung von Absatzmöglichkeiten,die Zahlung von Preisen, die die Lebenshaltungskosten der Produzent/innen decken, die Stärkung der Produzentenorganisationen sowie die Verbesserung der Infrastruktur, z. B. in den Bereichen Bildung und Gesundheit. Mit diesem Ansatz trägt der Faire Handel zu einer positiven Entwicklung in benachteiligten Regionen bei und reduziert für viele Menschen den Druck, vom Land in die Städte abzuwandern. Die Bekämpfung der hauptsächlich kriegerischen Ursachen für die aktuellen internationalen Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa liegt jedoch nicht im Fokus des Fairen Handels und übersteigt seine Möglichkeiten bei weitem.


Ursachen für Flucht und Migration bekämpfen – durch eine andere Wirtschafts- und Handelspolitik

Die Hauptursachen dafür, dass hunderttausende Menschen ihre Heimat verlassen und Zuflucht u. a. in Europa suchen, sind Bürgerkriege sowie eine fehlende wirtschaftliche Perspektive. Dabei liegen auch Bürgerkriegen teilweise ökonomische Ursachen zugrunde bzw. schlechte soziale Bedingungen und ökonomische Perspektivlosigkeit führen häufig dazu, dass Menschen sich Hilfe durch radikale Gruppierungen erhoffen und sich diesen anschließen.

Die Bekämpfung solcher terroristischen Gruppierungen wie z. B. des sogenannten IS ist dringend geboten. Aus unserer Sicht sind militärische Mittel dafür der falsche Weg – stattdessen braucht es ein Bündel an Maßnahmen, die die Handlungsfähigkeit dieser Gruppierungen lähmen und den Menschen in den betroffenen Regionen eine Perspektive gibt.
Dazu gehört auch eine deutliche Reduzierung der Waffenexporte aus Deutschland – die meisten Zivilisten im militärischen Kontext sterben durch Kleinwaffen, wovon jede dritte aus deutscher Produktion stammt. Diese Maßnahmen können die Fluchtbewegungen allerdings nicht kurzfristig stoppen, sondern eher mittel- bis langfristig.

Die ökonomische Benachteiligung zahlreicher Länder ist durch das derzeitige Weltwirtschaftssystem strukturell verankert. Bundesentwicklungsminister Müller sagte in der Tagesschau im September 2015, dass unser Wohlstand auf der Ausbeutung Afrikas fuße und die Entwicklungsländer faire Handelsbeziehungen bräuchten und nicht freie Märkte. Viele internationale Handelsregeln wirken sich zum Nachteil der Länder des globalen Südens aus, während Unternehmen und Verbraucher/innen in den nördlichen Ländern davon profitieren.

Dazu einige Beispiele:

· Hoch subventionierte Agrarüberschüsse der Europäischen Union werden z. B. in afrikanische Länder exportiert und bringen dort die einheimische Produktion zum Erliegen.

· Das Problem des sogenannten Landgrabbing, das auch im aktuellen Kinofilm „Landraub“ (www.landraub.com/Der-Film/) thematisiert wird: Staaten und Konzerne kaufen in großem Stil Ackerland in südlichen Ländern auf, um dort mit hohem technischen Einsatz Lebensmittel für die eigene Bevölkerung zu produzieren – wodurch den Menschen, die vorher dort gelebt haben, buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Hunderttausende Kleinbäuer/innen, die bisher Nahrung für sich und andere Menschen produzieren konnten, verlieren ihre Existenzgrundlage und kehren dem Land den Rücken.

· Auch der Klimawandel, der in erster Linie durch die Emissionen verursacht wird, die zur Schaffung und Aufrechterhaltung des Lebensstandards in den Industrieländern entstehen, hat in vielen Ländern bereits sehr konkrete Auswirkungen. Viele Kleinbäuer/innen – darunter auch Kaffeeproduzent/innen – sind gezwungen, ihr Land zu verlassen, weil sie unter den veränderten klimatischen Bedingungen keine Möglichkeit mehr haben, ihre Produkte anzubauen.

· Am Ende ihrer Nutzungsdauer werden viele Produkte, die mit unserem Wohlstand verbunden sind – von Altkleidern über Elektroschrott bis hin zu ausgedienten Frachtschiffen - wieder in die Länder des Südens „entsorgt“, womit die Ausbeutung der dort lebenden Menschen ein zweites Mal zuschlägt. Die Güter treten in Konkurrenz zur einheimischen Industrie und vernichten so Arbeitsplätze oder werden unter katastrophalen Bedingungen ausgeschlachtet, mit fatalen Folgen für die Gesundheit der Menschen. Auch das verstärkt den Druck, dieser Perspektivlosigkeit zu entfliehen.

So betrachtet verharmlost der Begriff "Wirtschaftsflüchtling“ einen skandalösen Zustand: Viele der so genannten Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor den katastrophalen Auswirkungen des derzeitigen Weltwirtschaftssystems, die ihnen schlichtweg keine Alternative lassen.

Politik, Wirtschaft und Verbraucher/innen haben zahlreiche Möglichkeiten, den internationalen Handel gerechter zu gestalten, um die Ausbeutung der Menschen im globalen Süden zu beenden und ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen - wie es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte allen Menschen weltweit zuspricht. Auf europäischer Ebene muss die Politik z. B. Handelsregeln vereinbaren, die die kleinbäuerliche Produktion in den Ländern fördert, weil gerade diese die Ernährungssicherheit der Länder gewährleisten. Hinzu kommt dringender Handlungsbedarf, um die Arbeitsbedingungen von Millionen Menschen z. B. bei der Gewinnung von Rohstoffen, in der Landwirtschaft und in diversen Industriebereichen (Textil, Leder, IT, …) zu verbessern.

So muss der Gesetzgeber eine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht für international agierende Unternehmen einführen, damit diese für Verstöße gegen Menschenrechte entlang ihrer Lieferkette haftbar gemacht werden können. Auch ohne solche gesetzlichen Verpflichtungen sollte es für Unternehmen selbstverständlich sein, für eine würdige Behandlung der für sie produzierenden Menschen und die Einhaltung von Umweltauflagen entlang ihrer Wertschöpfungskette zu sorgen.

Verbraucher/innen haben ebenfalls vielfältige Optionen, auf Produkte zurückzugreifen, die unter Beachtung sozialer und ökologischer Standards hergestellt wurden. Die Entscheidung, welche Produkte wir kaufen bzw. wie oft z. B. ein neues Mobiltelefon angeschafft wird, hat direkte Auswirkungen auf die Herstellungsbedingungen der Waren.

Der Faire Handel bietet Verbraucherinnen und Verbrauchern ein immer breiter werdendes Sortiment an Produkten, bei deren Herstellung Mensch und Natur nicht ausgebeutet werden, sondern die einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten. Darüber hinaus ist es eine Kernaufgabe des Fairen Handels, Verbraucherinnen und Verbraucher über ungerechte Handelsbedingungen zu informieren und politische Entscheidungsträger/innen mit Forderungen nach gerechteren Handelsregeln zu konfrontieren.


Ein Beispiel ist die Kampagne „Mensch. Macht. Handel. Fair.“

Vertreter/innen des Weltladen-Dachverband e.V. und des Forum Fairer Handel e.V. haben dem Auswärtigen Amt Ende November knapp 40.000 Unterschriften für eine strengere Unternehmenshaftung übergeben. Mit diesen Instrumenten trägt der Faire Handel langfristig zur Stabilisierung und Stärkung von Gemeinschaften bei, aber er kann wenig ausrichten, um die aktuellen Fluchtbewegungen zu begrenzen.


Willkommenskultur konkret – Geflüchtete in Deutschland unterstützen

Neben den Optionen, für eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Ländern des Südens einzutreten, bestehen zahlreiche Möglichkeiten, zu einer positiven Willkommenskultur beizutragen und den geflohenen Menschen das Ankommen und den Neustart in Deutschland zu erleichtern. Gerade Weltläden können geeignete Akteure sein, um Kontakt zu Geflüchteten aufzunehmen, um Interesse an ihrer Person und ihrer Geschichte zu zeigen.

Evtl. ist es möglich, mit Geflüchteten gemeinsam Veranstaltungen durchzuführen und ihnen eine Stimme zu geben, um über sich und die Beweggründe für ihre Flucht zu berichten – falls sie das möchten – z. B. in Kombination mit einer Lesung. Auf diese Weise können Weltläden dazu beitragen, dass Geflüchtete in Deutschland ein Gesicht bekommen, dass Kontaktmöglichkeiten entstehen und dass sie ihre Situation besser verstehbar machen können.

Dabei muss jedoch darauf geachtet werden, dass die Veranstaltung nicht zur Verfestigung von Rollenklischees beiträgt, z. B., in dem Menschen aus dem südlichen Afrika eingeladen werden, einen Trommelworkshop anzubieten.

Einen konkreten Beitrag, Flüchtlinge in ihrer neuen Umgebung willkommen zu heißen, hat der Weltladen Aachen sich ausgedacht: Sie bieten eine 40g-Tafel Schokolade mit einer Banderole, auf der in verschiedenen Sprachen „Willkommen in Aachen“ steht, zum Kauf an.
Mitarbeiter/innen und Kund/innen des Weltladens können die Schokolade kaufen und Flüchtlingen als kleinen Gruß zukommen lassen – eine Idee mit Symbolcharakter, die auf positive Resonanz stößt.

Viele Geflüchtete, die es geschafft haben, in vermeintlich sichere europäische Länder zu kommen, machen hier erneut die Erfahrung, unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten zu müssen und ausgebeutet zu werden – z. B. in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungsgewerbe. Fair-Handels-Organisationen können prüfen, inwiefern sie die Möglichkeit haben, Geflüchteten Beschäftigung zu bieten oder eine solche zu vermitteln – selbstverständlich unter Beachtung aller gesetzlichen Auflagen. Auch wenn viele Berufs- und Universitätsabschlüsse der Migrant/innen in Deutschland nicht oder nicht voll anerkannt werden, bringen die Menschen in der Regel Fähigkeiten und Fertigkeiten mit, die auch in unserer Gesellschaft zum Nutzen aller eingesetzt werden können und sollten.

Wichtig ist, den Menschen die entsprechenden Möglichkeiten zu bieten. Ein wichtiges Element in der Kommunikation über das Thema ist die Wahl sensibler, nicht dramatisierender Formulierungen. Ausdrücke wie „Flüchtlingsströme“ und „Menschenmassen“ tragen zu einer gefühlten Dramatisierung der Situation bei und untergraben die Würde der einzelnen Menschen. Auch den Begriff „Flüchtling“ sehen einige Sprachwissenschaftler/innen kritisch, da er ihrer Meinung nach eine – wenn auch unbewusste - Herabwürdigung der geflohenen Menschen beinhaltet. Sie plädieren stattdessen dafür, den Begriff „Geflüchtete“ zu verwenden (Einen Hinweis auf weitere Erläuterungen dazu siehe unten).

Auch wenn der Fokus des Fairen Handels darauf liegt, Perspektiven für Menschen in ihren Heimatländern zu schaffen, spricht der Faire Handel sich klar für das Recht auf Asyl und die Aufnahme schutzbedürftiger Menschen aus. Der Faire Handel ist eine weltoffene Bewegung und pflegt intensive und partnerschaftliche Beziehungen zu Handelspartnern weltweit. Der Handel mit Produkten aus den Ländern des Südens stellt die Geschäftsgrundlage des Fairen Handels dar. „Wir verkaufen Produkte mit Migrationshintergrund“, sagt Stefan Diefenbach treffend, Geschäftsführer des Weltladens in Frankfurt-Bornheim.

Weitere Lektüre:

http://www.misereor.de/blog/2015/08/11/die-strukturellen-migrationsursachen-angehen/
http://www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete/
http://info.brot-fuer-die-welt.de/blog/fluchtursachen-bekaempfen-nicht-fluechtlinge
http://www.weltundhandel.de/hintergrund/details/article/kein-mensch-fliehtfreiwillig.html

Kontakt:

Weltladen-Dachverband e.V.
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Tel.: 06131/68 907-81
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